Klaus Liesen ist tot.

Eine graue Eminenz, die nichts zu verbergen hatte.
Es war irgendwann in den 80er Jahren. Klaus Liesen suchte einen Rhetoriklehrer. Er wollte besser reden können. Immer suchte er danach, etwas zu verbessern. Aber er wollte nicht einen der großen Lehrer unter den Startrainern. Liesen war ein bescheidener Mann. Er wollte kein Aufhebens um seine Person. Gefunden wurde ich, sein Rhetoriklehrer über viele Jahre. Später, nachdem er seine Ämter nieder­gelegt hatte, war ich Gesprächspartner für ihn. Er lud mich in sein Büro ein, nahm sich Zeit und freute sich, wenn ich kam. Dort sprachen wir ohne Programm, ganz ungeplant über Themen, die ihn oder die mich bewegten. Ich sah mich einem Mann gegenüber, der über Jahrzehnte die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland und weit über sie hinaus geprägt hat – ein Kapitel lebender Geschichte.

Wer war Klaus Liesen?
Er war ein erfolgreicher Unternehmer.
Als Vorsitzender des Vorstandes hat er die Ruhrgas AG von einem regionalen Kokereigasversorger zu einem führenden europäischen Erdgasunternehmen gemacht. Die Ruhrgas wurde in seiner Zeit zum erfolgreichsten und angesehensten Unternehmen der europäischen Energiewirtschaft.

Was machte ihn erfolgreich? Damals war autoritäres Gebaren bei Führungskräften noch nicht verpönt. Sprüche wie: „Wo gehobelt wird fallen Späne“, waren noch angesehen. „Wer den Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen“, löste Heiterkeit und spontane Zustimmung aus. Nicht bei Liesen. Er verlangte von sich und von seinen Mitarbeitern Spitzenleistung durch klares logisches Denken, hohen Einsatz und präzise Argumentation. Fehlende Kompetenz und schwächliches Engagement fand er unerträglich. Mit dem Hausverwalter und dem Sachbearbeiter ging er ebenso respektvoll und wertschätzend um wie mit einem Vorstandskollegen.

Als Beispiele für Rhetorikübungen wählte er oft Themen wie „Die Bedeutung von Großkraftwerken“ oder „Die Zukunft der Automobilindustrie“. Seiner Meinung nach konnten nur große Konzerne die geforderte Leistung erbringen, allerdings gut geführte. Die Besetzung von Spitzenpositionen geschah immer in Abstimmung zwischen mächtigen Männern, Frauen waren damals auf dieser Ebene nicht vertreten. Liesen konnte sich nicht immer durchsetzen. Persönlich betroffen war er, wenn sich später das Desaster einer Fehlbesetzung herausstellte. Er versuchte dann, mit solchen Personen Termine zu vermeiden und ihnen aus dem Weg zu gehen. Kritische Bemerkungen, die die Situation nicht veränderten, vermied er. Distanziert war er, nicht destruktiv.

 

 

Ein gefragter Redner.
Klaus Liesen war ein gefragter Redner, aber er war nach eigener Einschätzung kein guter Redner. Viele Unternehmensleiter halten keine interessanten Reden. Sie sprechen eintönig, mit schwerfälligen Sätzen, ohne Höhepunkte, inhaltsschwer und ohne persönliche Beziehung. Inzwischen bestehen Reden aus Folien, meistens aus vielen Folien, nicht nur mit Zahlen und Graphiken, sondern auch mit Texten. Den gezeigten Text auch noch vorzulesen ist dem Redner dann doch zu dumm, also sagt er ihn mit eigenen Worten. Die Zuhörer wissen dann nicht, sollen sie lesen oder zuhören. Schließlich ziehen sie es vor, eigenen Gedanken nachzugehen. Der Redner verliert den Einfluss auf ihr Denken.

Noch vor dem Fall der Mauer war eine Veranstaltung im Berliner Reichstagsge­bäude. Liesen hatte einen Text vorbereitet, der einfach exzellent war, aber frei sprechen wollte er auf keinen Fall. Es war zu riskant, der Anlass zu wichtig und das Publikum zu erwartungsvoll. Später erzählte er mir, einer habe doch frei gesprochen und seine Rede sei am eindrucksvollsten gewesen. Von da an hatte er ein neues Ziel: übersichtliche und verständliche Sätze sprechen, abwechslungsreich sprechen durch richtiges Betonen, interessant sprechen und Aufmerksamkeit wecken mit Hilfe von Redefiguren, gut argumentieren und sich auch in unfairen Situationen behaupten können. Nicht ein einziges Mal habe ich Liesen bei einer Rede erlebt und die Gelegenheiten waren häufig. Was ich gehört habe, war aber eindrucksvoll. Liesen hat zu den Menschen gesprochen. Sie fühlten, dass von ihnen die Rede war, dass sie gemeint waren.

Auf der Liste der Todeskandidaten.
Liesens Name stand auf der Liste der Todeskandidaten der RAF. Wenn ich zu einem Termin kann, dann durfte ich kein normales Taxi nehmen, ein Ruhrgasauto mit eigenem Chauffeur brachte mich zum Gästehaus. Auf dem Parkplatz erwarteten uns mehrere junge Männer in hellen Regenmänteln. Das Haus mit Umgebung war von vielen Kameras erfasst.

Liesen war ein einflussreicher Mann. Er verhandelte mit Algerien wegen Gaslieferungen, plante die Investitionen, entwarf die Verträge zu beiderseitigem Vorteil: die technischen Anlagen auf den Gasfeldern, die Transportlinien, die Hafenanlagen. Algerien wäre ein modernes Land. Aber dann kam der Terrorismus, und damit das Ende der Investitionen.

Ende der 60er Jahre begannen die Gespräche zum Erdgas-Röhrengeschäft. Liesen war noch stellvertretendes Vorstandsmitglied. Andere haben dieses Geschäft initiiert, viele haben daran mitgewirkt, ohne Liesen wäre es nicht gelungen. Er musste es bei der amerikanischen Regierung in Washington vertreten. Es war zu Zeiten des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhanges. Liesen gelang es, die Sowjetunion über dieses Geschäft an den Westen zu binden. Es kam zu zahlreichen Begegnungen, Besuchen, Gesprächen, Einladungen und schließlich zu dem Bernsteinzimmer in Sankt Petersburg, das die Ruhrgas spendete. Liesen würde die politische Seite dieses Geschäftes herunterspielen und vor allem seine Rolle dabei. Ich habe ihm vorgeschlagen, eine Biographie zu schreiben oder schreiben zu lassen. Seine Managementleistung, seine Führungsbegabung und seine persönliche Integrität sollten als Vorbild dienen, in einer Zeit, in der ein weit bekannter Vorstandsvorsitzender mit einem Koffer und 100.000,00 Euro in Luxemburg von Finanzbehörden festgenommen wird, ein Topmanager sich in Lichtenstein wegen Steuerhinterziehung schuldig macht. Korruptionsverdacht, Betrug, unmoralisches Verhalten, falsche Entscheidungen – das alles gab es bei Liesen nicht.

Stückwerksingenieur – aber bescheiden.
Es gibt Bücher über Piëch, Harig, Schrempp, Ackermann, und zuletzt auch Beitz. Ein Buch über Liesen gibt es nicht. Er wollte es nicht. Es hätte aufzeigen können, dass er anders war, ganz anders und erfolgreicher. Ich habe es ihm vorgeschlagen. Es gab auch eine bewährte Autorin. Er wollte es nicht: kein Aufheben um seine Person.

Um 2006 wurde Liesen Aufsichtsratsvorsitzender von VW. Es war der Wunsch der Bundesregierung und vieler anderer, darunter Herrhausen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Liesen hat diese Aufgabe nicht angestrebt. Herrhausen riet ihm dringend zu.

Die Lopez-Affaire.
VW war damals in keiner guten Verfassung. Seine Kostenstruktur war besorgnis­erregend. Seine Marktanteile entsprachen nicht anderen europäischen Automobil-Massenherstellern. Die Frage, welches europäisches Automobilunternehmen überleben wird, stellte sich deutlich.
Liesen wollte Piëch als Nachfolger von Hahn. Er war überzeugt, dieser Mann kann VW wieder hoch bringen. Er holte auch Lopez, der begnadete Einkäufer. In einem Zeitungsartikel hat Liesen dargelegt, dass Lopez korrekt gehandelt hat und von General Motors ohne zu betrügen ausgeschieden ist. Als Lopez nicht mehr zu halten war, hat Liesen die „Lopez-Affaire“ beendet. Er hat selber mit General Motors in London eine Vergleichsbasis ausgehandelt. Da wird keine Verantwortung abgeschoben und keine Schuldzuschreibung praktiziert. Liesen führt selber die Verhandlungen und beendet die Auseinandersetzung.

Die Ruhrgas zu E.ON – eine große Enttäuschung.
Die Ruhrgas war ein weltweit erfolgreich tätiges Unternehmen, finanziell äußerst ertragreich und hoch angesehen. Liesen entschied dennoch mit der Ruhrgas dem E.ON-Konzern beizutreten. Dafür gab es mehrere Gründe, er sah darin die bessere Lösung. Die Ruhrgas war wesentlich sein Werk, er hat ihren Stil geprägt und ihre Kultur, ihren Erfolg und ihr Ansehen. Dennoch hielt er nicht an ihr fest. Liesen konnte loslassen und Abschied nehmen. Dass der Abschied zur Auflösung führte, war für ihn eine traurige Überraschung.

Gesellschaftspolitisch engagiert.
Wir leben in einer Gesellschaft, die nach Funktionen differenziert ist. Diese Funktionen folgen ihren strengen Leitideen. So geht es der Funktion Wirtschaft nur darum, viel Geld zu verdienen. Alles, was dazu dient, wird genutzt, was davon ablenkt, wird gelassen. Dennoch ist ein Unternehmer nicht völlig auf seine Funktion Wirtschaft festgelegt. Er kann sich auch am gesellschaftspolitischen Diskurs beteiligen. Wenige tun es.

Liesen war als Topmanager konsequent für den Erfolg der Ruhrgas engagiert. Aber darüber hinaus war er in verschiedenen Stiftungsräten und Kuratorien, u.a. der Stiftung Wissenschaft und Politik, der Alfred und Claire Pott-Stiftung, von 1980 bis 1993 als Vorsitzender des Vorstandes im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft,  tätig in der Robert Bosch Stiftung, im Folkwang-Museumsverein. Er unterstützte persönlich den Essener Kinderschutzbund.

Liesen war nicht jemand, der nur das eine konnte und sonst keine Ideen mehr hatte. Über 30 Jahre hat er sich im Stiftungswesen engagiert; bis zum Ende seines Lebens war er in kleinerem Umfang auf diesem Gebiet noch aktiv. In ihm war ein Streben angelegt nach dem Besseren und dem Schöneren, nach dem, was das Übliche übersteigt und auf das Neue verweist, jenseits der Grenzen des Gewöhnlichen.

Wahr – gerecht – gut –schön.
Mittelalterliche Theologen wussten schon, dass Gott nicht Gegenstand menschlicher Sprache sein kann, dass, wenn wir über Gott sprechen, wir ihn eben dadurch schon verfehlen. Wenn sie es dennoch nicht lassen konnten, dann sagten sie über ihn, er sei absolut gerecht, wahr, gut und schön.

Klaus Liesen ging es darum, gerechte Vereinbarungen zu treffen, die ohne Tricks und Trug Bestand hatten, weil sie wahr waren. Er war gut, Schicksalsschläge, Ungerechtigkeiten, die Not anderer gingen ihm sehr nahe. Seine Umgebung war von einer einfachen aber stilvollen Eleganz.

In späteren Jahren, nach seinem Ausscheiden aus seinen Ämtern, war ich nicht mehr sein Rhetoriklehrer, sondern nur noch ein Gesprächspartner. Ich glaube, er hat sich auf unsere Gespräche gefreut, so wie ich auch. Wir haben über persönliche Themen vertrauensvoll gesprochen, so auch über Religion und Tod. Ich vermute, dass Liesen kirchlich nicht aktiv, aber ein gläubiger Christ war.

Ich wünsche ihm, dass er jetzt eingeht in die Unendlichkeit Gottes.

Dr. Helmut Geiselhart