„Menschenbilder“ können fatal sein.

Großprojekte gelingen nicht:

Der Flughafen in Berlin, die Elbphilharmonie in Hamburg und der neue Bahnhof in Stuttgart.

Großunternehmen geraten in die Krise: E.ON, RWE, Siemens, ThyssenKrupp

Klimaziele werden nicht erreicht.

Ein großes Vorbild muss ins Gefängnis wegen Steuerhinterziehung.

Etwas stimmt nicht mehr. Niklas Luhmann sagt: Wir übersehen immer etwas. Und wir sehen nicht, was wir nicht sehen.

Was übersehen wir? Wo ist unser blinder Fleck? Er ist bestimmt nicht betriebswirtschaftlich, finanztechnisch oder organisatorisch. Was also sehen wir nicht?

Könnte es sein, dass wir von einem falschen Menschenbild ausgehen? Das Menschenbild entsteht aus Körperbild und Selbstbild in Verbindung mit Tradition und Kultur, in die wir jeweils eingebettet sind. Es reicht tief in unsere Persönlichkeit.

Jede Epoche entwirft ihr eigenes Menschenbild:

Augustinus für die Antike: „Gott, du hast uns auf dich hin erschaffen und ruhelos ist unser Herz bis es ruht in dir.“

Descartes für die Neuzeit: „Ich denke, deshalb bin ich“.

Kafka für die Moderne: Der Jäger Gracchus. Er ist für die Wolfsjagd im Schwarzwald bestellt, bevorzugt aber die Gamsjagd. Dabei stürzt er in eine Schlucht und ist tot. Der Fährmann holt ihn dort ab, legt ihn auf die Barke, um ihn auf die Toteninsel zu bringen. Durch eine Unachtsamkeit wird die Barke abgetrieben und statt auf die Toteninsel treibt sie aufs offene Meer.

Der Jäger Gracchus gelangt weder auf die Toteninsel noch zurück ans Land. Nachdem die Orientierung am Jenseits verloren ging, gelingt es nicht mehr, richtig zu leben, aber auch nicht richtig zu sterben.

Beschädigte Menschenbilder

Als Folge entstehen beschädigte Bilder vom Menschen:

  • der hysterische Mensch, der sich aus seiner inneren Leere heraus jedem anpassen und es allen recht machen will, bis von ihm nichts mehr übrig bleibt;
  • der depressive Mensch, der trotz aller Anstrengung nicht mehr richtig mithalten kann und sich darin verbraucht, doch noch sich selber zu werden;
  • der transparente Mensch, der nach allen Appraisal, Assessments, Gutachten und 360° Beurteilungen sich in seinem eigenen Haus nicht mehr auskennt;
  • schließlich der von Burnout Heimgesuchte, der sich hohe Ziele setzt, die er nicht erreichen, aber auch nicht aufgeben kann und sich darin erschöpft.

Menschenbilder können das Leben kosten.

Ein junger Mann kommt in die Sprechstunde und verlangt eine Generaluntersuchung. Er erzählt der Ärztin: „Wie ich 11 Jahre alt war, hat mich meine Mutter bei sexuellen Spielereien erwischt und gesagt: Kinder, die das tun, sterben mit zwanzig. In wenigen Wochen werde ich zwanzig und bin ganz unruhig.“ Die Ärztin stellt ihm die Überweisungen aus und bittet ihn, mit dem Befund wieder zu kommen. Als sie ihn in Händen hält, beruhigt sie ihn: „Sie können unbesorgt sein, Sie sind kerngesund.“ Kurze Zeit nach seinem Geburtstag stirbt der junge Mann an Kreislaufversagen. Niemand kann es beweisen. Dass es solche Zusammenhänge gibt, ist unbestreitbar.

Wir brauchen ein Bild vom Menschen, das nicht beschädigt ist und uns nicht beeinträchtigt, eines, das uns befähigt, mit Leichtigkeit die Spitzenleistungen zu erbringen, die die Welt von uns erwartet.

Intakte Menschenbilder

Mit diesem Anliegen wenden wir uns an die Wissenschaften vom Menschen. Wie sehen sie den Menschen? Die Neurologie als die modernste, die Soziologie als die ausführlichste und die Psychoanalyse als die intimste.

  • Die Neurologie

Die Neurologie sieht das menschliche Gehirn als jeweils einmalig, keines gleicht dem anderen. Sie beschreibt es als autonom, selbststeuernd und selbstbestimmend, das aus Einsicht lernt und nicht aus Zwang. Als inneres Auge beschreibt sie Neuronen, die keine Impulse von außen empfangen und nur für innere Zustände zuständig sind. Die Spiegelzellen schaffen die Basis dafür, dass wir uns in andere hineinversetzen, mitfühlen und sie verstehen können.

Die Neuronen, die die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften bilden, sorgen dafür, dass wir unsere Wahrnehmungen mit Sinn versehen können. Die Verwirrung, die entsteht, wenn sie durchtrennt sind, verdeutlicht, wie sehr wir darauf angewiesen sind, Sinn in unser Leben zu bringen.

Das Dopaminsystem schüttet Hormone aus, aber nur, wenn es von Impulsen angeregt wird, die neu und interessant sind. Wir sind dann hellwach, hochkonzentriert und voll motiviert. Sind sie aber bekannt, langweilig und kritisierend, dann verschwinden sie „im Schatten der Neuronen.“

  • Die Soziologie

Max Weber beschreibt die Gesellschaft als ein stahlhartes Gehäuse, in das der Mensch eingeschlossen ist und wo die kalten Skeletthände der Bürokratie nach ihm greifen. Befreien kann er sich aber durch eine Lebensführung von innen und durch seine Hingabe an eine Aufgabe.

Michel Foucault benutzt das Panoptikum, ein fünfeckiges Gebäude mit einem Kontrollturm in der Mitte, um zu verdeutlichen, dass wir in einem Disziplinierungs- und Kontrollsystem leben. Dabei wird die Kontrolle verinnerlicht, sodass ein berechenbares Individuum produziert wird. Aber auch Foucault betont, dass es einen Ausweg gibt, dass ein Freiheitsspielraum bleibt, aus dem das Neue hervorgehen kann. Er empfiehlt die Übungen aus der Philosophie der Lebenskunst.

  • Die Psychoanalyse

Das Neugeborene macht zu Beginn seines Lebens eine traumatische Erfahrung. Plötzlich wird es in eine neue Umgebung geworfen, wo es kalt, laut und trocken ist. Es reagiert darauf mit Schreien und Strampeln, aber auch mit Phantasie. Damit wählt es sich selber mit seiner genetischen Anlage und seinem Umfeld und begründet auch von daher seine Einmaligkeit. Vom Anfang des Lebens an ist jeder anders, ganz anders.

Zwischen dem Neugeborenen und seiner Mutter besteht eine exklusive Beziehung, in der die Mutter ganz für das Kind da ist, seine Bedürfnisse befriedigt, fast schon bevor sie entstehen. Diese Befriedigung findet statt fast jederzeit und ohne Anstrengung von Seiten des Kindes. Doch dies ist nur eine Phase die vorübergeht. Die Mutter wendet sich wieder eigenen Interessen zu. Das Kind gewinnt an Autonomie.

Manche versuchen aber an dieser Art von Beziehung festzuhalten. Es sind Menschen, die von anderen erwarten, dass sie es ihnen recht machen, sich ihnen anpassen, für sie uneingeschränkt da sind. Eine Ehefrau entdeckt, dass ihr Mann eine Freundin hat. Sie stellt ihn zur Rede. Er rechtfertigt sich: „Das musst Du mal akzeptieren, ich brauche das jetzt.“

Sind wir bedürfnisgetrieben? Prämien, Tantiemen, Incentives, Bonussysteme, Sondervergütungen, Leistungsanreize – alles ist gemacht, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Ist der Mensch bedürfnisgetrieben? Macht es sein Wesen aus, nur seinen Vorteil zu suchen? So lehrt es der Neoliberalismus. Aber es heißt auch: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Um als Mensch zu leben, reicht es nicht, nur seine Bedürfnisse zu befriedigen.

In der menschlichen Entwicklung nimmt die enge Mutter-Kind-Beziehung ein Ende. Das Kind erfährt den Mangel, es muss Verzicht leisten und durch die Wüste gehen. Nur so kann das Neue entstehen: Symbole, Sprache, Kultur, Technik, Kunst. Das Kind wird aktiv, geht in die Schule und lernt.

Der Weg des Menschen durch die Wüste, über Mangel und Verzicht, führt ihn zu einer neuen Qualität von Beziehung, zum Verlangen. Nach jemandem verlangen heißt akzeptieren, dass er etwas hat, was mir fehlt, dass seine Existenz in mir sichtbar macht, was mir entgeht. Weil er so ganz anders ist, deshalb begegne ich ihm mit Ehrfurcht, degradiere ihn niemals zum Objekt meiner Bedürfnisse, deshalb kann ich ihn lieben.

Die Psychoanalyse sieht den Menschen nicht als abgeschlossene, einheitliche Persönlichkeit. In ihm sind verschiedene Bestrebungen am Werk.

  • Das Ich als Instanz der Erziehung, Bildung und bewussten Entwicklung

Es ist das, was wir über uns wissen, über uns erzählen, in einem Lebenslauf schreiben, einem Gutachter berichten und zwar jedem immer irgendwie anders.

  • Das Ich als Instanz, die uns unzugänglich ist und unverfügbar.

In ihm herrschen Kräfte, die wir nicht in den Griff bekommen, die nicht domestizierbar sind. Es ist die Quelle für das Neue, das Unerwartete, die Grenzüberschreitung. So kommt es, dass unsere innere Ordnung nie endgültig gesichert und unsere Autonomie von innen heraus untergraben ist. Wir merken dies, wenn wir manchmal über uns selber staunen.

Einsichtig wird, dass die meisten Managementinstrumente an der Oberfläche bleiben, viele Gutachten über andere eher eine Art der Täuschung sind und Methoden wie Assessmentcenter und 360° Beurteilungen eher klägliche Versuche, den Menschen doch noch zu fassen zu bekommen. Aber das wahre Ich entzieht sich dem allem.

Ein Freiheitsspielraum für Erneuerung

Wir suchen nach einem anderen Menschenbild. Denn eine beschädigte Vorstellung vom Menschen schränkt ein und verhindert Leistungen, die wir erbringen müssen. Deshalb dürfen wir uns nicht mit psychischen Schäden noch mit gesellschaftlichen Disziplinierungen abfinden.

Bei aller Einschränkung betonen die Gesellschaftslehrer den Freiheitsspielraum, den sie trotz allem sehen und aus dem Veränderungen hervorgehen können.

Die Neurologie betont die Einmaligkeit eines jeden einzelnen Gehirns als Basis für ungewöhnliche Befähigungen. Die Spiegelzellen als Voraussetzung für Empathie und Verständnis für andere; das Split-Brain-Phänomen, das das existentielle Verlangen nach Sinn begründet; das Dopaminsystem, das Lernen belohnt im menschlichen Gehirn als Lernsystem par excellence.

Diese Sicht des Menschen wird von der Psychoanalyse vertieft. Sie beschreibt den Menschen als einmalig und uneinheitlich, von einem Feuer erfasst, das nicht erlischt, eine lebenslange Quelle von Energie – unbezähmbar, unkontrollierbar.

Lernend und auf Neues ausgerichtet, anderen zugetan und sie in ihrer Würde respektierend, durchquert der Mensch die Wüste, kennt den Verzicht, von der Suche nach Sinn getrieben, unermüdlich.

Meditation und Spiritualität

Neuerding heißt es, dass Manager die Spiritualität entdecken und mit Hilfe von Meditation abschalten, Kräfte sammeln und nach innen blicken wollen.

Es heißt auch, dass sie an den Grenzen der Belastbarkeit und von Zielen, die sie anstreben und doch nicht erreichen können, den Weg zur Spiritualität suchen, weil sie dort noch neue Energien vermuten.

Auch das andere Menschenbild eröffnet einen neuen inneren Freiheitsspielraum und befreit zu neuen Energien, die zu den ungewöhnlichen Leistungen befähigen, die unsere Welt braucht.

Juni 2014, Dr. Helmut Geiselhart

Der Autor ist Verfasser der Bücher Das Management der Jesuiten und Philosophie und Führung