Selbstoptimierung über alles?

Die Fastenzeit ermutigt viele Menschen, die ungesunde Lebensweise einzuschränken, also auf Alkohol oder Zigaretten zu verzichten. Ist folglich Selbstoptimierung, auch in dieser christlichen Form, der Trick für ein besseres Leben? Helmut Geiselhart zweifelt stark daran.

Der Frühling bricht sich langsam Bahn, die düstere Zeit des schlechten Wetters liegt hinter uns und wir sind froh, die Sonne wieder zu genießen. Die Zeitspanne zwischen Karneval und Ostern ist nun vorbei und mit ihr die Fastenzeit. Sie ist in den letzten Jahren immer bedeutungsvoller geworden. Immer mehr Menschen fühlen sich angeregt, in dieser Zeit Verzicht zu leisten. Sie trinken keinen Alkohol, sie rauchen nicht, wollen abnehmen, treiben regelmäßig Sport: schlanker, gesünder, klarer, attraktiver im Körper, effizienter im Denken, erfolgreicher im Leben. Die Fastenzeit soll dieses Mehr an Leistungsfähigkeit ermög­lichen, indem man sich mehr mit sich selber beschäftigt. Somit ist der eigene Narzissmus, die egoistischen Bestrebungen zu befriedigen, in diesem Abschnitt des Jahres Maß allen Handelns.

Diese stete Selbstoptimierung ist auch in der Wirtschaft zu beobachten: Eine aktuelle Untersuchung ergab, dass die überwiegende Zahl der deutschen Topmanager eher narzisstisch geprägt ist. Sie seien gewissenhaft, im Verhalten herausfordernd, persönlich stabil, durchsetzungsstark, allerdings auch wenig kreativ.

Übermäßige Selbstoptimierung schadet

Der Philosoph Emmanuel Lévinas (1906-1995) sieht in der vorrangigen Beschäftigung mit der eigenen Person als ein Grundübel des philosophischen Denkens an. Der Kult des eigenen Körpers, die Zuwendung zur Gesundheit, das Streben nach Selbst­verwirklichung verstärken für ihn vorrangig Narzissmus, Egoismus und Selbst­sucht, die Denkweise wird von einem „Es geht nur um mich, um meinen Erfolg, um meine Vorteile“ geprägt. Lévinas’ Philosophie ist somit eine Kritik an der neoliberalen Denkweise und ihrer Vorstellung, der Mensch strebe nach nichts mehr als seinem eigenen Vorteil.

Lévinas sieht in diesem Denken auch die Ursache für die unzähligen Kriege, Verbrechen und Verletzungen, die Menschen sich zufügen. Frieden und Gerechtigkeit gibt es erst, wenn wir uns von diesem ich-zentrierten Denken verabschieden, uns weniger mit uns selber beschäftigen und uns entschlossen dem Anderen zuwenden. Alle Anstrengung, die wir zu unserer Selbstverwirk­lichung aufwenden, ist ohnehin vergeblich. Was wir erreichen, wird uns ohnehin wieder genommen, sobald wir Abschied nehmen müssen, enttäuscht werden oder krank und alt sind. Für Lévinas sind, ganz nach einem biblischen Psalm, alle Menschen nur Gäste auf der Erde, da sie niemanden gehöre.

Auch eine Alternative zur omnipräsenten Egozentrik findet Lévinas in der Bibel, im ersten Buch der Könige: Zwei Frauen streiten sich vor König Salomon um das Sorgerecht für ein Kind. Die eine will das Kind, egal was mit ihm geschieht, die andere verzichtet auf das Kind, wenn es nur lebt und wird im Verzicht zur wahren Mutter. Salomon gibt ihr das Kind, da sie sich ganz ihrem Kind hingibt, nur sein Wohl sucht und eigene Bedürfnisse zurückstellt.

Aber es gibt auch ein aktuelleres Beispiel: Der Film „Schindlers Liste“ handelt von einem Unternehmer, der gescheitert ist, aber jetzt in der Kriegswirtschaft profitieren will. „Alles für mich!“ ist sein Motto. Überall will er im Mittelpunkt stehen. Er beschäftigt Juden, weil sie billiger sind als Polen; der einarmige Schlosser, dem er das Leben gerettet hat, ist ihm lästig, weil er zu wenig leistet; dem Betriebsleiter, den er aus dem Zug nach Auschwitz holt, macht er Vor­würfe, weil er seinen Posten verlassen hat. Aber dann erlebt er die Räumung des Krakauer Ghettos und ist tief bewegt. Von da an geht er weg von sich und hin zum Anderen. Immer mehr setzt sich Schindler für Juden ein: gibt ihnen Arbeit, schützt sie vor Willkür, rettet sie vor Auschwitz, investiert sein Vermögen, riskiert seine Sicherheit, um am Ende festzustellen, er habe nicht genug getan. Aus der entschlossenen Zuwendung zum Anderen hat er mehr Bestätigung erfahren als durch Selbsterfahrung und Selbstwerdung.

Auch für das eigene Leben ist Nächstenliebe wertvoll

Fastenzeit ist eine christliche Form der Erneuerung. Sie findet ihren Ursprung in Jesus von Nazareth, der seine Zeitgenossen aufforderte: „Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe!“ Er ruft seine Anhänger auf, zu verzichten, das beque­me Leben aufzugeben, sich einzuschränken und sich anzustrengen. Für ihn ist jedoch nicht allein Verzicht an sich gut, weil, es der Person besser geht oder ihr Vorteile bringt, sondern weil etwas Großes beginnt, ein Traum sich erfüllt, Fasten und Verzichten für etwas Besseres, damit andere etwas davon haben.

Die entschlossene Zuwendung zum Anderen ist Jesus’ Forderung: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.“ Oder: „Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder…“ Es geht um den anderen und nur um ihn.

Wie aber kann diese vom Christentum inspirierte Denkweise im wirtschaftlichen Leben von Nutzen sein? Innovation ist eines der verbreiteten Schlüsselworte. Kreativ sein will jeder. Bauchintelligenz ist Trainingsziel. Jemand, der sehr mit sich beschäftigt ist, sich ganz auf sich konzentriert. Doch mit einer übermäßigen Sorge um die eigene Geltung fällt es schwer, kreativ zu sein. Innovation findet dort statt, wo Menschen frei über ihre psychische Energie verfügen, ohne neuro­tische Fixierung. Sie können sich offen ihrer Außenwelt zuwenden, aufmerk­sam auf Veränderungen, interessiert an Neuem, dem Anderen zugetan. Fasten als Zuwendung zum Anderen ist ein Weg dorthin.

 

Dr. Helmut Geiselhart, April 2015

Der Verfasser ist Autor von: „Philosophie und Führung“, SpringerGabler Verlag, 2012

Referenzen : Bilanz Magazin